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Alex Capus
In meiner Freizeit sammle ich lebende Elefanten
Schreibbewegte
fragen sich, wie ein Profi arbeitet, seine Texte webt und seine
Brötchen verdient. Der Schweizer Autor Alex Capus, bekannt geworden
durch historische Romane und Kolumnen, hat sich bereit erklärt, Schreibszene Schweiz Rede und Antwort zu stehen.
Interview: Denise Maurer
Besonders spannend an Capus’ Entwicklung zum freiberuflichen
Schriftsteller ist, dass er – wie er offen zugibt – fast zufällig in
diese Profession geschlittert ist. Ursprünglich als Journalist tätig,
betrat er 1994 mit seinem handgestrickten Büchlein Diese verfluchte Schwerkraft die Autorenbühne. Drei Jahre später erschien Munzinger Pascha,
eine "klassische" Erzählung, die bereits typische Elemente des heutigen
Capus-Stils aufweist. Er beschrieb seine Figuren damals wie heute
ehrlich und schonungslos und er entzieht sich niemals dem Verständnis
für die Leiden und Freuden seiner Protagonisten. Es gelingt ihm
unaufdringlich, seine Leser mit Doppeldeutigkeit auf die Tücken von
Gewinn und Niederlage hinzuweisen. Es sind wohldosierte Selbstironie
und die einfache, schnörkellose Form, welche Capus’ Geschichten
liebenswert machen.
Guten Tag, Herr Capus. Herzlichen
Dank, dass Sie sich bereit erklärt haben, uns einige Fragen zu
beantworten. Ich habe Ihnen zuvor einen kleinen Einblick in die
Philosophie der Bewegung Schreibszene Schweiz (nachfolgend kurz SchSch)
gegeben. Was halten Sie von der Idee des Novemberschreibens – in 30
Tage ohne inneren Kritiker fünfzigtausend Wörter zu schreiben – alle
Menschen zum Schreiben zu ermutigen?
Alex Capus: Na, ich würde
sagen, mit dem Schreiben ist es wie mit Sex, Karaoke-Singen oder
Fussballspielen: Jeder darf und soll, wenn er will, aber keiner muss.
Beim Fussball kommt halt hinzu, dass nicht jeder bei Real Madrid
spielen kann, und beim Schreiben kann nicht jeder den Knobelpreis und
Platz 1 auf der Bestsellerliste erwarten. Im Ernst: Jeder soll sich im
Schreiben versuchen, aber jeder hat auch die Pflicht, die eigene
Begabung richtig einzuschätzen und sich im Bedarfsfall das
Handwerkszeug mit viel Übung anzueignen. Dafür brauchts dann schon den
inneren Kritiker, meine ich. Und fünfzigtausend Wörter in 30 Tagen –
das wird mit grosser Wahrscheinlichkeit Gequassel. Bei mir zumindest
würde es das garantiert.
SchSch: Was hat Sie, als Journalisten, zum Romane-Schreiben motiviert?
Alex Capus: Eine Wahnsinns-Geschichte, die ich einfach erzählen MUSSTE.
(Anmerkung: Dabei handelte es sich um
die Geschichte ‚Fast ein bisschen Frühling’, wo Capus die wahre
Geschichte der Basler Bankräuber Velte und Sandweg erzählt. Von der
ersten Idee bis zur definitiven Fassung schrieb Alex Capus die
Geschichte zweiundzwanzig Mal neu.)
SchSch: Wie viel Eigendynamik, wie viel Abstand zum ursprünglichen Plot, erlauben Sie sich beim Schreiben der Rohfassung?
Alex Capus: Der Plot steht von
Anfang an fest. Ich weiss, wie’s anfängt, weitergeht und aufhört, des
is ka kunscht. Die Kunscht liegt in der Gestaltung.
SchSch: Ihr erstes Buch haben Sie im Selbstverlag herausgebracht. Warum?
Alex Capus: Weil ich gar nicht
Schriftsteller werden wollte, weil das ja eine unrealistische
Berufsoption ist, besonders wenn man in Olten zu Hause ist und keinen
kennt, der im Verlagswesen einen kennt, der einen kennt, der bei Hanser
arbeitet. So habe ich einfach aus Spass das Büchlein, ein
Erzählbändchen mit dem Titel Diese verfluchte Schwerkraft gemacht. Alle Geschichten sind heute übrigens im Band Eigermönchundjungfrau
enthalten. Dieses habe ich dann für 15 Stutz in der Beiz verkauft. Und
dann nahmen die Dinge trotzdem ihren Lauf. Kann ich nur empfehlen. Aber
achtet auf einen günstigen Kaufpreis, und überschätzt die möglichen
Verkaufszahlen nicht. Nur schon Freunde und Verwandte sind längst nicht
so zahlreich, wie man gemeinhin glaubt.
SchSch: Wie selbstkritisch
betrachten Sie ihre Werke Jahre später? Wie gehen sie mit Ihren inneren
Zensoren um? Was halten Sie von Stil-Trends?
Alex Capus: Na, man errötet
zuweilen schon zart, wenn man eines seiner früheren Machwerke zu lesen
genötigt wird; freiwillig tut das ein anständiger Mensch ja nicht. Mein
innerer Zensor ist mein Freund, mit dem ich beim Schreiben immer und
immer wieder über den Text gehe, bis mir der Verlag alles wegnimmt,
weil er’s jetzt endlich drucken und verkaufen will. Ich meine, man soll
von seiner Begabung überzeugt sein, aber sich nie zufrieden geben mit
dem, was man gemacht hat. Besteht ja auch keinerlei Anlass dazu.
SchSch: Aber es besteht auch
kein Anlass zu falscher Bescheidenheit, nicht wahr? Ich bitte Sie, uns
mehr über Ihre Überarbeitungsphasen zu erzählen. Vielleicht konkret am
Beispiel Ihres ersten Romans, Munzinger Pascha? Wie gehen Sie jetzt, zehn Jahre später, vor?
Alex Capus: Beim ersten Roman
war ich natürlich allein schon froh, die Geschichte zbode erzählt zu
haben und in einem einigermassen vernünftigen dramaturgischen Bogen vom
Anfang ans Ende gelangt zu sein. Heute habe ich mehr Vertrauen in meine
Fähigkeiten und weiss wohl auch handwerklich besser Bescheid. Eine
Gefahr lauert in der Routine: dass man seine Frische, seine
Unbekümmertheit, vielleicht sogar seine Unverwechselbarkeit verliert.
Was das Überarbeiten betrifft, so hat sich da nichts geändert: Ich
redigiere leidenschaftlich gern immer und immer wieder, am liebsten ad
infinitum.
SchSch: Wie exakt definieren
Sie die Charaktere Ihrer Figuren und die Handlung im Voraus? Ist für
Sie Überarbeiten vor allem Feinschliff? Wissen Sie am Anfang schon, wer
wo im Buch vorkommt, wann eine Rückblende eingeflochten wird, etc.?
Werden Sie, wie das eine Forumsteilnehmerin beim Überarbeiten erlebt,
auch ständig von immer wieder neuen Ideen überrollt, die alles zwar
besser, jedoch komplizierter machen? Wenn ja, wie gehen Sie damit um?
Alex Capus: Ich trage eine
Geschichte erst monatelang schwanger, bevor ich mit schreiben anfange.
Brüte und lese, recherchiere, reise an die Orte der Handlung und leide
dabei stets unter der Gewissheit, dass ich den Stoff nie zu fassen
kriege und niemals in eine gescheite Form bringen werde. Und plötzlich
– zack! – weiss ich genau, wos lang geht, fange auf Seite 1 an und
schreibe eine erste Fassung bis zum Ende hin. Die ist noch ziemlich roh
und holzschnittartig, und dann gehts an die Feinzeichnung. Charaktere,
Kulisse, Aufbau des Dramas, Geschichten in der Geschichte, Vor- und
Rückblenden etc.
SchSch: Welches ist das
früheste Stadium, wo Sie einen Rohtext jemandem zu lesen geben? Wie
arbeiten Ihre Erstleser, will heissen: Gibt es da eine Aufgabenteilung?
Ab wann schaltet sich ihr Lektor/ihre Lektorin ein?
Alex Capus: Das ist der grösste
Scheiss am Schreiben: Das man da alleine durch muss. Es hilft nichts,
Freunde und Verwandte zu Rate zu ziehen, denn die werden immer alles
gut finden, was man so macht, weil sie einen selbst ja hopefully auch
gut finden. Und die Lektoren – ja mei. Wenn man Glück hat, ist es gut,
aber meistens ists ein Elend. Mehr möchte ich aus Gründen der
Diplomatie jetzt hier nicht sagen.
SchSch: In der darstellenden
Kunst ist nach der Überarbeitung der Rohling verschwunden. Beim
Schreiben am Computer nicht und damit ist kein Ende der Überarbeitung
in Sicht. Wann setzen Sie den Schlussstrich unter ein Werk? Wie spüren
Sie, wann genug ist und wann weniger mehr?
Alex Capus: Schwierige Frage.
Es ist genug, wenn es genug ist. Manchmal meint man, es sei genug,
dabei ist es noch nicht genug. Aber handkehrum ists dann auch schon
wieder zu viel. Wer kann das wissen, verflucht nochmal.
SchSch: Wie schaffen Sie es,
weiterzugehen, wenn Sie blockiert sind? Haben Sie jeden Tag Lust zu
schreiben? Haben Sie es schon einmal erlebt, dass Sie vom
überarbeiteten Text überhaupt nicht mehr überzeugt waren, sich Zweifel
oder Entmutigung eingestellt haben? Könnte in solchen Fällen das
Überarbeiten mit einer/m Lektor/in die Lage retten?
Alex Capus: Jetzt hören Sie gut
zu: WRITER’S BLOCK GIBT ES NICHT! Es gibt nur Faulheit und gedankliche
Trägheit. Wenns nicht weitergeht, wird man im Nachhinein immer
feststellen, dass man an der Stelle, wo es stockte, irgendwas mogeln
wollte, sei es aus Faulheit, sei es aus Unaufrichtigkeit, oder weil man
seelisch mit ganz was anderem beschäftigt ist. Dann sollte man
vielleicht über dieses ganz Andere schreiben. Ja, das ist auch sehr
wichtig: dass man einen Stoff hat, der zu einem passt und dass man sich
den zu Eigen macht.
SchSch: Können Sie vom
Schreiben leben oder was tun Sie allenfalls noch, um Geld zu verdienen?
Wenn man vom Schreiben lebt, entsteht bestimmt ein Druck "produzieren
zu müssen", was sich in möglichen folgenden Werken als negativ
auswirken könnte. Wie gehen Sie mit diesem Druck um?
Alex Capus: Ich lebe gut vom
Schreiben. Natürlich muss ich produzieren, damit es so bleibt, aber
Druck würde ich das nicht nennen; schliesslich mache ich das
freiwillig, weil es mir die liebste Beschäftigung ist auf der Welt.
Roger Federer muss auch dauernd Tennis spielen, nicht wahr, kein Grund
zu jammern.
SchSch: Können Sie uns ein
kleines Beispiel für ‚Kitsch’ geben? Ein Anti-Beispiel davon, wie Sie
sicher nicht zu schreiben vorhaben? (Autoren, Zitate...)
Alex Capus: Ein sehr beliebter
Kitsch unter Schweizer Literaten ist beispielsweise salbungsvoll
vorgetragene Verehrung für Robert Walser und das Weltliteratur-Geraune.
Womit ich kein Wort gegen Robert Walser gesagt haben will.
SchSch: Auch ein Autor ist nur
ein Mensch. Image, Bekanntheit und Publicity gehen sicher auch nicht
spurlos an Ihnen vorbei. Darf ich fragen, wieso Sie sich die Haare
geschnitten haben?
Alex Capus: Die Haare schneide
ich doch nicht ab, ich lasse sie altershalber (45) ausfallen. Man macht
das heute so in der Partyszene von Berlin/New York. Und in meiner
Freizeit sammle ich lebende Elefanten. Im Ernst: Es ist doof, als sein
eigenes Markenzeichen durch die Welt zu laufen. Haare weg, und keiner
erkennt mich mehr im Pendolino. Und wenn man mich kurzhaarig
wiedererkennt, lasse ich sie wieder wachsen. Und keinesfalls möchte ich
in die Notlage geraten, aus Imagegründen nonstop meine Glatze mittels
Kopftuch bedecken zu müssen. Womit ich wiederum kein Wort gegen Robert
Walser gesagt haben möchte.
SchSch: Im Namen der
Schreibszene Schweiz sowie den Nutzern und Nutzerinnen des
Schreibforums bedanke ich mich herzlich für Ihre anregenden Antworten.
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Denise Maurer
Autorin und Novemberschreibende hat
für Schreibszene Schweiz das Interview
geführt. Herzlichen Dank!
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