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"Der alte Mann und das junge Mädchen – das interessiert Leserinnen meines Alters nicht!" Interview: Dorothea Berg (DB) Ich treffe Marianne Weissberg an ihrem Schreibtisch an, einem grossen Esstisch, der im Parterregeschoss ihres Atelierhauses in Stein am Rhein steht, wo die Zürcher Autorin seit Mitte Ende Juni 2007 wohnt und arbeitet. DB: Sie sitzen hier nicht in einem kleinen Schreibkämmerlein, sondern in einem luftigen Arbeitsambiente, in dem offensichtlich auch lustvoll gewohnt wird. Wie wichtig ist Ihnen die Schreibumgebung? Marianne Weissberg: Unglaublich wichtig, das ist vielleicht typisch Frau. Ich habe ja niemanden, der mir den Rücken freihält, kocht, putzt, womöglich noch für mich schreibt, ich muss mein Leben selbst gestalten. Und alles, was da hineinfliesst, inspiriert mich. Und umgekehrt. Die besten Einfälle kommen bei ganz hundskommunen Tätigkeiten. DB: Sie haben sich einen Monat Zeit genommen, beim diesjährigen Novemberschreiben mitgeschrieben. Wieso? Marianne Weissberg: Ich finde dieses Schreibprojekt eine geniale Sache, wollte schon 2006 mitschreiben, doch das biss sich mit dem Ausbau dieses Hauses, den ich selbst konzipierte. Für mich war Novemberschreiben die Möglichkeit, völlig unzensiert, aber absolut diszipliniert zu schreiben. Ohne Auftrag, ohne Gedanken an das fertige Buch, nur für mich. DB: Hatten Sie eine Romanidee bereit? Marianne Weissberg: Die lag bereits vor, und ich hatte auch bereits einige Seiten geschrieben. Doch seit längerem ging nichts mehr. Es erschien mir wie bei Kubrick’s Shining: Da sitzt ein Autor und schreibt immer denselben Satz, bis er buchstäblich ausrastet. Er getraut sich nicht, loszulassen und zu schreiben. Da ich beim Novemberschreiben täglich ein Wortsoll erfüllen musste, konnte ich mir nicht leisten, das am Vortag Geschriebene zu überarbeiten, sondern es musste unaufhörlich weitergehen. Eine Chance für meinen neuen Roman und auch für eine Grüblerin wie ich es bin. DB: Aber Sie haben doch etliche Bücher veröffentlicht? Fiel das Schreiben früher leichter? Marianne Weissberg: Als Autorin schwimmt man im unerbittlichen Haifischteich Buchbusiness. Irgendwann lassen die Kräfte nach, man hirnt zuviel über knausrige Verlage, unloyale Agentinnen, patzige Lektorinnen, den eigenen lächerlichen Kontostand nach. Kurz, alles wird schwierig, die Lust am Schreiben geht verloren und man verliert die Sicht auf das Positive: Die guten Leute und die Gabe oder soll ich sagen die Gnade des Schreibens. Das gab mir das Novemberschreiben zurück. DB: Schildern Sie doch kurz, was Ihr November-Roman erzählt. Marianne Weissberg: In drei Sätzen, wie beim sog. Pitching in Hollywood? Wieso nicht: Drei Frauen mittleren Alters beweisen sich selbst und den anderen, dass Frau ab fünfzig nicht im beigen Regenmantel möglichst unsichtbar durchs Leben huschen muss, sondern nochmals lustvoll durchstarten kann. Das können die drei jedoch nicht im Alltag, sondern sie erfinden sich erst virtuell neu, nehmen ihre alten Egos schliesslich auch ins echte Leben mit. Eine Slapstick-Geschichte mit nachdenklichen Momenten. Und sie lebt auch von den Gegensätzen, unheimliche Kleinstadt-Idylle und Haifischteich City. Ich sehe mich in der Tradition der amerikanischen Autorinnen, die sehr persönlich und direkt schreiben. Und mit einer gehörigen Portion jiddischer Chutzpe, so wie etwa Erica Jong oder Woody Allen. DB: Darf man annehmen, dass die Geschichte autobiographisch gefärbt ist? Sie sind doch auch eine dieser mittelalterlichen Frauen, oder? Marianne Weissberg: Zweimal ja. Alles, was ich schrieb und schreibe, bildete mein eigenes Leben ab. Ich halte nichts davon, Figuren zu entwerfen, die ich nicht kenne. Ich muss mich seit einigen Jahren damit auseinandersetzen, dass Frauen mittleren Alters gerne mal übersehen werden. Dabei sind gerade Frauen ab fünfzig sehr risikobereit, schaffen auch mal ihre Männer ab, wenn sie nerven. Und führen überhaupt ein Leben, das erstaunt, man muss bloss darüber lesen dürfen. Der alte Mann und das junge Mädchen, das interessiert Leserinnen meines Alters nicht. Wir sind es, die Bücher statt bloss Lippenstifte und Klamotten kaufen. Da sollten wir auch die Themen kriegen, die uns berühren. DB: Wie planten Sie das Schreiben des November-Romans? Marianne Weissberg: Ich schrieb eine Seite Exposé, danach ein mehrseitiges Outline, in dem die Kapitelinhalte umrissen wurden. Gegen Ende hielt ich mir ein Blatt vor die Nase, auf dem stand, wer was tun sollte, ich bin nämlich etwas vergesslich. Das Schreiben selbst war einerseits lustvoll, aber anstrengend. Erst habe ich die tägliche Disziplin gehasst, dann geliebt. Es wurde zu einer Art Extase des Er-Schaffens. DB: Wie stehen Sie zu Ihren Romanfiguren? Marianne Weissberg: Kommt darauf an, was sie verkörpern. Bei mir “leben“ eklige und liebenswerte Figuren, manchmal mischt sich beides, wie im Leben. Meist haben alle eine echte Vorlage, doch im Laufe der Geschichte, erhalten sie weitere Facetten und werden selbstständig. Diesmal habe ich zum ersten Mal nicht in Ich-Form geschrieben, jede meiner drei weiblichen Hauptfiguren wurde so gleich prominent. Kurz, sie begannen eigenständig zu handeln, wie auf einer Theaterbühne, die ich eingerichtet hatte. DB: Was ist mit Figuren, die Sie nicht so mögen? Marianne Weissberg: Kennen Sie den Film Stardust von Woody Allen? Da rächt sich eine Autorin an ihren Ex’en. Wieso nicht zugeben: Auch ich erachte Schreiben als eine tolle Rachemöglichkeit. Eine meiner Roman-Figuren ist erst Witwe, dann dachte ich: Wieso ihr nicht einen Ex geben, der so war wie mein kürzlich abgelegter? Und als ich diese Figur kreierte, sie reden liess, konnte ich mir sagen: Wow, der ist aber ein kleiner Knauserer. Oder heimtückische Nachbarn, schwafelnde Therapeuten, ein aufgeblasener Auto-Heini, die konnte ich toll einflechten. Und allen mittels eines fiesen Plots kräftig eins auswischen. Insofern ist Schreiben auch kostengünstige Alltags-Therapie. DB: Die übliche, letzte Frage. Was sind Ihre Pläne? Marianne Weissberg: Ich werde wieder vermehrt als Journalistin arbeiten, muss mich nach einer Pause, in der ich ein spätes Studium abschloss, jedoch wieder positionieren. Zugleich mich daran machen, “Noch einmal blond!“, so der Titel des November-Romans, an Verlage zu senden. Was mir nicht leicht fällt: es ist mein Baby! Aber das ist keine Entschuldigung, meine Heldinnen nicht die Welt erobern zu lassen. Und dann werde ich hin und wieder auch bloss faul herumsitzen und auf den Kick des nächsten Novemberschreiben warten. Marianne Weissberg: Darf ich, Marianne Weissberg, Sie zum Schluss auch noch etwas fragen? Sie kommen mir so bekannt vor, es ist, als würde ich Sie gut kennen? DB: Kein Wunder, ich bin Ihre Romanfigur, die etwas biedere Journalistin Dorothea Berg, die in ihrem neuen, geheimen Leben als Fotografin Dolores nochmals durchstartet. Und da ich wissen wollte, wie meine Kreateurin schreibt und lebt, habe ich gebeten, dieses Interview mit Ihnen führen zu dürfen. Herzlichen Dank!
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