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Hansjörg Schertenleib
 
   
Hansjörg Schertenleib, geb. 1957 in Zürich. Ausbildung zum Schriftsetzer / Typographen. Besuch der Kunstgewerbeschule Zürich. Seit 1981 freier Schriftsteller. Von 1980 bis 1984 Redaktionsmitglied der Literaturzeitschrift ´orte´. Für die Spielzeit 1991 Hausautor am Theater Basel unter Frank Baumbauer.

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Schreiben ist eine Existenzform

Interview: Ruth Loosli (RL)

RL: Wolltest du schon als Kind Schriftsteller werden?

Hansjörg Schertenleib: Nein, das wollte ich ganz und gar nicht!
Ich habe zwar bis zwölf fleissig und nahezu süchtig gelesen, aber als pubertierender Teenager kam ich auf die dumme Idee, Bücher seien nur für Langeweiler und Stubenhocker. Und deshalb machte ich für Jahre einen grossen Bogen um Bibliotheken.

Zum Schreiben kam ich vorerst aus rein handwerklichen Gründen. Ich machte eine Lehre als Bleisetzer und musste den ganzen Tag fremde Texte absetzen. Irgendwann war die Lust, eigene Texte zu setzen so gross, dass ich anfing, kurze Prosatexte zu schreiben. Ich durfte Samstags die Setzerei an der Kunstgewerbeschule in Zürich benutzen, in der auch eine Abziehepresse stand - so entstand meine erste Publikation. 100 Exemplare im Selbstverlag, erschienen 1977 unter dem Titel ´Somania´..

Meine Texte wurden länger, ich fing an, Erzählungen zu schreiben, und als ich für eine dieser Erzählungen einen Preis des Schriftstellerverbandes erhielt, meldete sich Frau Dr. Renate Nagel bei mir, damals Leiterin des Benziger Verlages. Mir blieb damit die langwierige und oft genug frustrierende Suche nach einem Verlag erspart. 1982 erschien mein erstes Buch ´Grip´, 3 lange Erzählungen, bei Benziger. Mit dem dritten Buch wechselte ich dann nach Deutschland, zu Kiepenheuer & Witsch. Seit fünf Jahren erscheinen meine Bücher im Aufbau Verlag in Berlin.

RL: Wo holst du dir deine Inspirationen?

Hansjörg Schertenleib: Wenn ich das wüsste! Wenn ich schreibe, schürfe ich in Schichten, zu denen ich sonst keinen Zugang finde. Darum sträube ich mich auch etwas dagegen, diesen Vorgang erklären oder verstehen zu wollen. Schreiben ist für mich auf jeden Fall mehr als ein Beruf. Schreiben ist eine Existenzform. Und die Frage nach der Inspiration stellt sich mir in dem Sinne gar nicht. Ich will, ich muss schreiben, basta. Ich lebe meine Bücher. Und meine Bücher leben mich...
 
RL: Du lebst über die Hälfte des Jahres in Irland – was schätzt du besonders an diesem Land, das von vielen etwas verklärt wird?

Hansjörg Schertenleib: Irland bietet mir die Abgeschiedenheit und Abgewandtheit von der Welt, um mich mit der nötigen Ruhe und Ausschliesslichkeit in meinen Texten versenken zu können. Es gibt kaum Ablenkung und damit kaum Ausreden, um der Arbeit aus dem Weg zu gehen. Mein Haus in Irland wird somit sozusagen Teil meiner Texte, wird zu meiner zweiten Haut – eine Haut, die mich schützt und wärmt. Gerade darum kann ich mir in meinen Büchern erlauben, mich auch mit ungastlichen Themen auseinanderzusetzen und aufs Eis hinauszuwagen.

RL: Welche Bücher liest du zur Zeit? – Hast du literarische Vorbilder?

Hansjörg Schertenleib: Da ich mich in der Schlussphase meines neuen Romans ´Das Regenorchester´ befinde, bin ich als Leser stark eingeschränkt. Ich erlaube mir nur Bücher, die mit den Themen meines Romanes zu tun haben. Gefährten sozusagen, Begleiter und Beschützer. Vorbild habe ich im übrigen keine. Das Wort ist mir auch zu gross. Aber es gibt Autorinnen und Autoren, deren Bücher mich all die Jahre begleitet haben. Drei Zeilen dieser Autoren genügen, um mir über kleiner Schreibstaus hinwegzuhelfen und Verstocktes freizuschwemmen.

RL: Du bist auch im literarischen Institut in Biel tätig: Vor – und Nachteile einer Institution?

Hansjörg Schertenleib: Ich will Leidenschaft vermitteln und zeigen, dass man sich mit Haut und Haar auf Stoff einlassen muss, wenn man ihn in Sprache umschmelzen will. Es geht mir also in erster Linie darum, eine Haltung zu vermitteln. Daneben aber ist natürlich auch der handwerkliche Aspekt des Schreibens wichtig. Beides lässt sich durchaus vermitteln und also unterrichten.
 
RL: Wem würdest du Biel oder einen anderen Lehrgang empfehlen?

Hansjörg Schertenleib: Das muss jeder für sich selber ausmachen. Das Literaturinstitut in Biel bietet auf jeden Fall eine breite Ausbildungspalette an und ermöglicht zudem konzentriertes Arbeiten an Texten. Biel funktioniert wie eine Art Reservat. Wobei darin auch durchaus die Gefahr liegt, dass sich junge Autoren zu schnell von der Welt abkapseln, statt sich auf sie einzulassen – eben mit Haut und Haar.

RL: Ich möchte noch auf dein letztes Buch „der Glückliche“ zu sprechen kommen.
Mir hat die Szene extrem gut gefallen, wo ein Jazzkonzert in Amsterdam beschrieben wird. Wie lange arbeitest du an einer so ausgefeilten Stelle?

Hansjörg Schertenleib: Die erwähnte Stelle ist eher untypisch, denn sie entstand in relativ kurzer Zeit, als eine Art Sturzgeburt. Ansonsten aber steckt in dieser Novelle, so schmal sie ist, sehr viel Arbeit: Das Weglassen und Eindampfen ist ein zeitintensiver Prozess. Ich habe gestrichen, gestrichen und gestrichen. Mir persönlich gefällt das letzte Kapitel des Buches am Besten. Drei Monate habe ich an diesen drei Seiten gearbeitet, mit dem allerfeinsten Werkzeug, das sich denken lässt und sozusagen mit angehaltenem Atem, um ja keinen Satz aus dem Gleichgewicht zu bringen – mit Ausnahme natürlich der Sätze, die nicht im Gleichgewicht sein durften.

RL: Kennst du Schreibblockaden und wie kannst du sie verhindern oder „entblocken“...?

Hansjörg Schertenleib: In Irland erlebe ich Schreibblockaden eigentlich nie. Der Zweifel dagegen gehört auch in meinem Schreibhaus unabdingbar dazu. Wer schreibt und nicht zweifelt, macht meiner Ansicht nach etwas Grundlegendes falsch. In der Schweiz hingegen kenne ich Blockaden durchaus. All die Verpflichtungen lenken mich ab oder um, blockieren mich und stehen dem Text im Weg. Wie ich diese Blockaden löse? Indem ich nicht aufgebe und akzeptiere, dass Schreiben Genauigkeit verlangt und darum ein langsamer, ein sehr langsamer Prozess ist, der durchaus auch ins Stocken kommen kann, ohne dass damit das ganze Projekt in Gefahr gerät.

www.shertov.com

Das Interview hat Ruth Loosli für Schreibszene Schweiz geführt. Herzlichen Dank.


Ruth Loosli, Jahrgang 1959, im Seeland aufgewachsen.
Worte gewundert, seit sie sprechen, lesen und OWUNDER schreiben kann.
Ausbildung zur Primarlehrerin. Immer geschrieben und nun am Ordnen und Oeffnen.


 
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