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Interview mit Christoph Simon

oder ein philosophisches Gespräch über das Schelm
sein in der heutigen Zeit.


Christoph Simon wurde 1972 in Langnau im Emmental geboren. Er besuchte das Gymnasium Thun, die Jazz-School Bern, Reisen nach Argentinien, Paraguay, Israel, Jordanien, Ägypten, Polen, Österreich, Slowenien etc. Heute lebt und schreibt er in Bern.
Sein erster Roman «Franz oder Warum Antilopen nebeneinander laufen», erschien 2001 im Billgerverlag.


2003 erscheint «Luna Llena.» Ein Episodenroman. Mit grossem Gespür für die kleinen Gefühle einer Geschichte erzählt Christoph Simon über Menschlichkeit, Freundschaft und den Augenblick der Wahrheit im Boxring. Umwerfend komisch, Balsam für geschundene Seelen.

„Planet Obrist“ folgt 2005. Der Schelmenroman schildert aus der Perspektive seines Helden, wie sich dieser in einer Reihe von Abenteuern durchs Leben schlägt. Es ist die Fortsetzungsgeschichte von Franz Obrist dem Gymnasiast, aus dem ersten Buch von Christoph Simon. Franz plant zusammen mit „MC dem Dachs“ eine Reise in die Mongolei.

Für das Interview treffe ich Christoph Simon in der Gelateria "Luna Llena", in Bern, wo sein zweiter gleichnamiger Roman handelt. Er kommt in Begleitung seiner 2 jährigen Tochter, welche er mir als seine Schreibassistentin vorstellt.


Interview: Karin Rudin Walker


KR: Hallo Christoph Simon! Bist du ein Schelm?
Christoph Simon: Also, (er überlegt) was ist ein Schelm? (und lacht)

KR: Wie kamst du auf die Idee einen Schelmenroman zu schreiben?

Christoph Simon: Vielleicht mein Neid auf eine Figur, die sich mit Nichtstun und möglichst wenig Aufwand durchs Leben schlägt. Er hat Glück und alle helfen ihm und wenn er kein Glück hat findet er trotzdem einen Weg. Es ist dieses romantische Bild eines Schelmes, das mich fasziniert und vielleicht nur in einem Buch funktioniert.

KR: Gibt es heutzutage noch richtige Schelme?

Christoph Simon: Nein, in unserer Leistungsgesellschaft kann man sich nur zwischen 15 und 30 Jahren durchmogeln als Schelm. Die Rechnung kommt später, wenn dir niemand mehr hilft, nur weil du charmant Lächeln kannst. Ich glaube nicht, dass Schelm-sein auf die Dauer funktioniert.
Irgendwann dreht sich der Schelm in einen Versager. Wenn wir als Beispiel Franz Obrist, meine Romanfigur, nehmen, da weiss ich nicht, ob er im realen Leben ein guter Freund von mir wäre, weil ich immer das Gefühl haben müsste, er wolle mich übers Ohr hauen.

KR: Würden der heutigen Zeit ein paar Schelme gut tun?
Christoph Simon: Ich finde es weder positiv noch negativ ein Taugenichts zu sein. Es ist eine Lebensform, von der ich mir nicht vorstellen kann, dass man sie bis ins Alter durchsteht. Von der Rente weg möglicherweise wieder. Vielleicht auch eine zu romantische Haltung, die nicht für alle erstrebenswert ist, immer so tänzelnd über dem Abgrund zu stehen.
Man hört Schelmen gerne zu, weil sie viel erlebt haben, weil sie spannende Geschichten zu erzählen haben, aber ich weiss nicht, ob es toll ist, von Moment zu Moment zu leben und sich jede Mahlzeit zu erschleichen.

KR: Die Geschichte von Don Quichote ist ja auch ein Schelmenroman. Aber er war ein Kämpfer, gar nicht romantisch.

Christoph Simon: Ja, ein durchgeknallter Schelm. Er hat es sehr ernst gemeint mit seinem Kampf gegen die Windmühlen. Die Komödie entsteht dadurch, dass die Figur sich sehr ernst nimmt. Und sein Pferd Rosinante ist kein so schöner Hengst wie er immer meint.
Mir ist es darum gegangen, mit Franz Obrist einen Schelm in der heutigen Zeit zu beschreiben.

KR: Was macht Franz Obrist als 60-jähriger? Planst du eine Fortsetzung dieser Geschichte?
Christoph Simon: Ich konnte mir schon nach dem ersten Buch nicht vorstellen, dass ich nach der Gymnasiumsgeschichte von Franz eine Fortsetzung schreiben würde.

Ich dachte aus Franz wird nie was rechtes und die spannendste Zeit hätte ich nun erzählt, die Zeit zwischen 16, (er beginnt selber zu denken) und 20, (er versucht sich in ein System zu bringen) - und mehr hat Franz nun nicht zu bieten. Wie er sich mit Gelegenheitsjobs durchs Leben bringt ist alleine nicht erwähnenswert. Aber dann fragte ich mich, schafft er den Rank doch noch?

Wenn er im ersten Buch noch ein „dummer Schnurri“ ist, den man gerne hat weil er mit viel Aufwand ein möglichst aufwandloses Leben leben will, so bekommt dieses Verhalten 10 Jahre später mehr Risse, da geht es um ernste Sachen, wenn die Mutter stirbt oder die Freundin, auf welche er gesetzt hat, davon läuft. Franz muss sich den Lebensfragen stellen um seinem Leben eine Sinn zu geben.

KR: Wie weit macht unsere Gesellschaft oder unser Zeitgeist es unmöglich ein Schelm zu sein. Zeigt es auch das wir so andere Werte haben?

Christoph Simon: Was ich als junger Mensch erfahren habe – was natürlich nicht für alle gilt – ist: man kann sich leicht durch dieses Leben schlagen, sich in Provisorien einrichten und sich nie für etwas entscheiden. Man arbeitet drei Jahre hier und dort und wenn es einem nicht mehr gefällt, wechselt man. Dann ist man plötzlich 50, stelle ich mir vor und hat sich nie der Frage gestellt, was kann ich und was will ich. Mich interessiert der Moment, wo alles kippt, wo diese Provisorien zu einer Falle werden.

KR: Es gibt Menschen die sind auf den Hund gekommen, du bist auf den Dachs gekommen wieso?

Christoph Simon: Hunde und Katzen gibt es in Büchern schon genug, und ein Pferd wäre für Franz zu gross. Ein Dachs ist ein misstrauisches, nachtaktives Wesen. Ein Einzelgänger, bissig. Respekteinflössende Eigenschaften, welche für Franz eine Herausforderung darstellen. So ergeben sich zwischen Franz und dem Dachs immer wieder Differenzen, wenn sie Gespräche führen.

KR: Was inspiriert dich zum Schreiben?

Christoph Simon: All die Eindrücke welche ich erlebe, möchte ich formulieren, benennen, es geht ums Ordnen meiner Wahrnehmungen.
Ich habe 2 Jahre Psychologie studiert. Mich fasziniert das Verhalten, das Fühlen und Denken der Menschen, weshalb tun sie was sie tun? Nicht auf die wissenschaftliche Art, und auf die Klinische noch viel weniger, sondern auf die individuelle Art. Was erleben die Menschen, welche Probleme haben sie und wie versuchen sie diese zu lösen.

KR: Wo schreibst du den am Liebsten?
Christoph Simon: Zu Hause am Computer. Verarbeiten und denken kann ich nur dort. Ich könnte jetzt nicht hier ein Gedicht schreiben. Höchstens Notizen machen. Ueberlegen, arbeiten und alles zusammensetzen und in eine Form bringen, das ist der beschauliche Teil, der zu Hause passiert.

KR: Wer sind deine Vorbilder ?
Christoph Simon: Richard Fords, das Buch "Unabhängigkeitstag", ist meine Bibel. Ein Buch, das mir gezeigt hat, dass es ein Leben zwischen 40 und 50 gibt.

Weiter wäre da noch Kurt Vonnegut. Er vermischt Science-Fiction- Elemente mit einer glasklaren Sprache und bringt mich zum Lachen.

KR: Liest du viel?
Christoph Simon: Meine Freundin sagt, ich lese viel, aber mir selber kommt das nicht so vor.
Es ist selten, dass ich ein Buch von A bis Z durchlese. Ich hole mir tonnenweise Bücher aus der Bibliothek oder aus dem Antiquariat, aber mich interessieren meistens nur Aspekte einer Geschichte. Zum Beispiel der Umgang mit rein schreibtechnischen Dingen, wie geht der Autor mit Zeit um oder wie werden Ortsveränderungen beschrieben. Wie wird eine Spannung aufgebaut. Mir ist es egal, ob der Mörder nun gefasst wird.

KR: Wolltest du schon immer Schriftsteller werden?

Christoph Simon: Nein, aber es ist die praktischste Art zu reisen, unterwegs zu sein, den Tag selber einzuteilen, und alles Angenehme miteinander zu verbinden.

Ich wollte immer künstlerisch tätig sein, und in dem Sinn verstehe ich mich auch als Künstler und Schriftsteller, ich habe Musik gemacht, Gitarre gespielt, die Jazzschule besucht, ich habe gezeichnet und geschrieben, und beim Schreiben hat sich etwas ergeben.
Ich finde ein Schriftsteller ist ja nichts anderes als eine Klatschtante und ich klatsche gerne. Eine Form, mit Klatsch einen einigermassen gesellschaftstauglichen Beruf zu entwickeln.

KR: Wie gehst du mit Absagen oder negativer Kritik um?
Christoph Simon: Ah, dann hasse ich sie alle, (lacht) jedes Nein ist eine Beleidigung, eine Kränkung, und ein Schmerz. Es geht an die Substanz wenn du finanziell nichts bekommst. Man braucht dann viel Selbstbewusstsein, um sagen zu können: „die haben ja keine Ahnung“, denn vielleicht haben sie ja doch eine Ahnung.

Und auch wenn es nicht um die Existenz geht, du machst deine Arbeit ja auch um eine Resonanz zu bekommen, ein Feedback, sonst könntest du nur für dich schreiben. Wenn du den Schritt nach draussen wagst und dann kommt nichts zurück, du hast ein offenes Fenster und niemand ruft dir in die Wohnung hinein, das ist hart. Man kommt sich schnell alleine vor, wenn man etwas macht, das erfreuen soll, und dann macht es niemandem Freude.

KR: Wem gibst du deine Texte als erstes zu lesen?

Christoph Simon: Den „Autören,“ eine Autorengruppe bestehend aus Urs Mannhard (er hat das Buch „der Luchs“ und „die Anomalie des geomagnetischen Feldes südöstlich von Domodossola“ geschrieben), und Lorenz Langenegger, (Theaterautor) wir treffen uns regelmässig, seit Jahren.

KR: Findest du , dass das Ueberarbeiten eines Textes das Anstrengenste ist ?

Christoph Simon: Es ist die schönste Arbeit am Ganzen, das ist der Moment wo ein Text oder eine Figur zu leben beginnt. Wo sie Farbe bekommt. Ideen hat jeder, und einen tollen Satz pro 10 Seiten schafft auch noch jeder, aber dass alles auf ein Niveau zu bringen ist die Kunst.

KR: Wie einen rohen Edelstein schleifen?
Christoph Simon: Genau, das Mühsame ist den Edelstein zu finden, auszugraben in diesem riesigen Bergwerk. Das ist die Rohfassung. ich schreibe so viele Rohfassungen, von denen ich am Anfang denke, die wären toll, und dann merke ich, die Figur interessiert mich nicht oder ich komme nicht weiter damit.

Man könnte auch sagen: Schreiben ist wie ein Skelett ausgraben, und dann hast du all diese Knochen vor dir. Jetzt fängt das Ueberarbeiten an, du versuchst das Ganze zusammen zu stellen, und stellst fest, aha das sind ja zwei verschiedene Tiere, oder du merkst ich habe noch zu wenig tief gegraben der Kopf fehlt noch. Von diesem Moment an spürst du, jetzt kann ich nicht mehr zurück. Du bist der Tierpräparator - und von dem Augenblick an macht das Schreiben Spass. Du beginnst dir vorzustellen, wie hat das Tier mal ausgesehen und wie hat es gelebt.

KR: Wie bringst du Familie und Schreiben unter einen Hut?

Christoph Simon: Gar nicht.
Ich und meine Freundin teilen uns die Kinderbetreuung und die Arbeit. Wir sind beide berufstätig.
Ich bin 2 1/2 Tage fürs Kinderhüten zuständig und 3 Tage schreibe ich. Die Schwierigkeit ist, zu sagen, jetzt ist es Mittwochmorgen jetzt bin ich bei Text Nummer 37. Dieser Klickschalter fehlt mir im Kopf. Ich hatte auch schon Befürchtungen, dass ich jetzt die nächsten zwei Jahre ein Gedicht pro Monat schaffe. Und in 300 Jahren ein Gedichtband.

KR: Kannst du vom Schreiben leben?
Christoph Simon: Ja, noch bis im Januar.
Ich hatte 5 Jahre Glück mit dem ersten Buch, und auch Preise. Aber jetzt merke ich, ist die Jugendförderung vorbei. Ich habe es auch verpasst, mir einen Zeitungsauftrag zu ergattern. Und irgendwann hast du in allen Buchhandlungen und Bibliotheken gelesen und das letzte Buch ist schon zwei Jahre her. Man kommt in dieses Hamsterrad, wo wieder etwas veröffentlicht werden müsste, damit wieder alles von vorne beginnt. Aber ich will ja nicht in eine künstliche Produktivität fallen, sondern über Dinge schreiben welche mir am Herzen liegen. Ich wünsche mir eine Mäzenin.

KR: Spürst du einen Erfolgsdruck?
Christoph Simon: Es ist mehr ein Misserfolgsvermeidungsdruck.

KR: Könntest du dir auch vorstellen Songtexte zu schreiben oder Theaterstücke?
Christoph Simon: Ja klar, ich habe ein Theaterstück geschrieben aber das wollte niemand aufführen (lacht) und Songs habe ich früher viel geschrieben. Formal lasse ich mir alles offen, auch Drehbücher würden mich grundsätzlich interessieren,

KR: Was ist dein nächstes Projekt?

Christoph Simon: Die Kunst des Spazierens. Eine pseudowissenschaftliche Abhandlung über das Spazieren.

Es handelt von den Unterschieden zwischen Tag- und Nachtspaziergängen, Regen- und Sonnenspaziergängen, zwischen ungestümen und ernsten Spaziergängerinnen. Das Zauberhafte rund um den Spaziergang.

KR: Wie würdest du dich selber beschreiben?:


KR: Stell dir vor du wärst ein Tier?

Christoph Simon: Ich wäre im privaten Leben ein Elefant und als Schriftsteller ein Mäusebussard.
Der Elefant lebt lange, das gefällt mir. Er begleitet den blinden Elefanten zum Elefantenfriedhof.
Der Mäusebussard beinhaltet für mich das Kreisen am Himmel und dieses oft ergebnislose Hinunterstürzen, um eine Beute zu ergattern. Warten auf den richtigen Augenblick und zack, zuschlagen.

KR: Stell dir vor du wärst eine Landschaft?

Christoph Simon: Ich wäre ein Stadtrand, dort wo nur die Individual- Touristen hin kommen und auch die nicht freiwillig, sondern bloss weil sie in die falsche U-Bahn gestiegen sind. Der Charme des Stadtrandes.

KR: Herzlichen Dank Christoph für dieses Gespräch

Christoph Simon: Gern geschehen.

Copyright: Karin Rudin Walker



Karin Rudin Walker
Musiktherapeutin und
Novemberschreibende hat
das Interview für Schreibszene
durchgeführt. Vielen Dank.

 
   
 
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