Startseite
Home Institut
Lehrgang Dipl. Texter/in
Dipl. Texter/in
Lehrgang Unternehmenspublikationen
CP: Print und online
Seminare
Literarisches Schreiben
Seminare
Berufliches Schreiben
Lehrgang Wort für Wort
Wort für Wort zum eigenen Roman
Firmenkurse / Events
Firmenkurs/Event
 Lea Gottheil

 

Lea Gottheil (1975), lebt und arbeitet
in Zürich. Sie Schreibt Lyrik und Er-
zählungen. Gegenwärtig überarbeitet
sie ihren ersten Roman. Die Autorin
hat ein Drehbuch für einen kurzen
Spielfilm geschrieben. Ihre erste
Publikation war zu Kantonsschulzeit.
Damals publizierte der Rektor der
Schule eines ihrer Gedichte im
Jahresbericht. Mit 28 erfolgte dann
ihre erste "richtige" Publikation in
einer Anthologie. Mit 29 Jahren war
sie Gast an der Basler Buchmesse
und den Solothurner Literaturtagen.

Lea Gottheils Texte haben mich
stets verzaubert und ich bin davon
überzeugt, dass wir noch viel von
ihr hören und lesen werden.


   

Ohne Lesen kein Schreiben.

Interview: Fatima Vidal für Schreibszene Schweiz (SchSch)

SchSch: Lea Gottheil, schön, dass du uns hier als Mittwochsperle Rede und Antwort stehst. Du kennst Schreibszene Schweiz (SchSch) seit einigen Jahren: Als Jurorin und Moderatorin des Postkarten-Wettbewerbs und als Kursteilnehmerin. Nach der Sommerpause steht das Novemberschreiben 2007 vor der Tür. Deshalb zuerst die Frage an dich als Lyrikerin und Befürworterin der Langsamkeit: Was hältst du von der Idee des Novemberschreibens – in 30 Tage einen Roman zu schreiben?

Lea Gottheil: Es ist mir eine Freude, als Mittwochsperle Antworten geben zu dürfen!

Ich kann mir vorstellen, dass sich in 30 Tagen viel Material anhäuft, welches man aussortieren, behauen, schleifen, in eine Form bringen kann. Die Staumauer entfernen, fliessen lassen, was drin ist und raus will. Ein reizvolles Projekt! Grad im November tut es doch gut, die Seele schreibend nach aussen zu stülpen, wo viele nach innen gucken, wenn der Nebel alles einhüllt.

SchSch: In welchem Alter hast mit dem Schreiben begonnen?

Lea Gottheil: Erstmal habe ich brav Aufsätze geschrieben. Leider kann ich hier nichts Romantischeres antworten, als: Die Schule hat mich darauf gebracht, dass ich sehr wahrscheinlich das Schreiben irgendwann zum Beruf machen würde. Da war dieses Feuer, dieses Vergnügen, Sätze und Gedanken einmal ganz eigen zu formulieren. Dieses Gefühl hatte ich höchstens noch, wenn ich mich ans Klavier setzte oder Theater spielte. Als ich dabei war, erwachsen zu werden, füllte ich Hefte und Bücher mit Gedanken, Wutausbrüchen, Liebesgedichten. Ich achtete immer darauf, dass ich so etwas wie eine eigene Stimme hatte. Weil man doch auch etwas Eigenes braucht, wenn sich die Welt rundherum irgendwie anders dreht.

SchSch: Und wann hast du erstmals ein eigenes Werk publiziert?

Lea Gottheil: Wenn man es genau nimmt, hat der Rektor der Kantonsschule Küsnacht damals ein Gedicht von mir in den Jahresbericht aufgenommen. Da war ich ganz schön stolz. Aber so richtig in einem Buch drin, das man in den Buchhandlungen kaufen konnte, war meine Geschichte „Kein Pferd“ in der Anthologie „Palaver“ vom Nodari und Christen Verlag, 2003.

SchSch: Eine Anthologie mit Texten von jungen Schweizer Autorinnen und Autoren.

Lea Gottheil: Ja, in dem Buch stehen Geschichten und Gedichte von 32 jungen Schweizer Autorinnen und Autoren. Dieser Publikation habe ich sehr viel zu verdanken. Durch sie habe ich viele feine Menschen kennen gelernt, die einen schriftstellerischen Weg gehen. Den künstlerischen Austausch finde ich enorm wichtig. Man muss nicht eine derart einsame Seele sein, wenn man schreibt…

SchSch: Viele Autorinnen und Autoren haben Lampenfieber, wenn Sie vor Publikum lesen sollen. Ich habe dich diesbezüglich als sehr gelassen erlebt. War das schon immer so?

Lea Gottheil: Im Jahr 2003 habe ich den „Lehrgang Literarisches Schreiben“ an der EB Zürich abgeschlossen. An der Finissage durften wir die Texte vortragen. Ich war erstaunt, wie viel Mut es braucht, seine eigenen Texte einem Publikum darzubieten. Heute trete ich sehr gern lesend vor, empfinde es jedoch noch immer als einen intimen Akt, der mich nervös aber auch glücklich macht.

SchSch: Wer hat dich als junger Mensch ermutigt zu schreiben?

Lea Gottheil: Eine enge Freundin, mit der ich die Sekundarschule besucht habe, hat immer gesagt: Lea, aus dir wird eine Schriftstellerin. Das hat mir Mut gemacht, ich spürte, dass sie es ernst meinte. Vater meinte selten, aber bestimmt: „Schreib.“ Mein baldiger Ehemann ermunterte mich immer und immer wieder, Texte zu verfassen.

SchSch: Du schreibst Lyrik, Drehbücher, Songs und jetzt gerade liegt ein Romanmanuskript auf deinem Schreibtisch. Im welchem Genre bist du vorwiegend zu Hause?

Lea Gottheil: Die Prosa liegt mir am nächsten. Momentan überarbeite ich meinen Roman. Die Hauptfigur ist so etwas wie meine beste Freundin. Die Figuren fangen plötzlich an, mir etwas zu erzählen. Ja, meine liebsten Ausflüge unternehme ich im Prosaboot. Die Lyrik besuche ich auch gern immer wieder. Sie ist die Königin. Ich habe Ehrfurcht vor ihr und hoffe, sie empfängt mich öfters.

SchSch: Was meinst du, warum sich die Königin Lyrik weniger gut verkauft als zum Beispiel Thriller?

Lea Gottheil: In meinem Buchhändlerinnenalltag darf ich die Lyrikbände unter meine Flügel nehmen. Ich bin erstaunt, wie viele Leute eben doch Gedichte kaufen! Hocherfreut sogar! Zugegeben: Modernere Lyrik hat es neben den Klassikern schwer. Ich denke, die Gedichte fallen einer sehr verbreiteten Zivilisationskrankheit zum Opfer: Zeitmangel. Lyrik braucht Menschen die bereit sind, Zeit zu verzaubern. Die sich in eine Stimmung lesen können. Lyrik setzt Langsamkeit und einen unbelasteten Geist voraus.

SchSch: Du arbeitest als Buchhändlerin. Wann findest du Zeit zum Schreiben?

Lea Gottheil: Zu meinem grossen Glück arbeite ich fünfzig Stellenprozent in der Buchhandlung. Da bleiben mir einige Schreibtage. Dies ist allerdings erst seit dem Februar 2007 so.

SchSch: Und schreibst du besser nachts oder frühmorgens - im Zug, im Café, in einer Schreibgruppe?

Lea Gottheil: Ich schreibe tagsüber besser als in der Nacht, was ich sehr bedaure und nicht ändern kann. Bin ich unterwegs, begleitet mich immer mein Notizbuch. Ich notiere Dialoge, Ideen, manchmal Bilder, die sich im besten Fall in Lyrik kehren. Zuhause kann ich mir Tee kochen und in meinen Büchern blättern. Ich bin keine Kaffeehausschreiberin, bin gern mit mir alleine.
SchSch: Wie hast du für den Kurzfilm recherchiert?

Lea Gottheil: Das Drehbuch zum Film „TraumHaft“ von Stefan Muggli hat viel Recherche vorausgesetzt. Das Thema „Schizophrenie“ wollten wir glaubwürdig inszenieren. Wir haben mit Psychologen und Betroffenen gesprochen. Ich habe Literatur zusammengekratzt und Dokumentarfilme geschaut. Das Drehbuch haben wir einer Psychologin zur Überprüfung gegeben.

SchSch: Was hat dich dazu bewogen, ein Buch über Frauenleben nach dem Zweiten Weltkrieg zu schreiben?

Lea Gottheil: Das Literaturhaus Zürich hat sieben jungen Schriftstellerinnen und Schriftstellern einen Auftrag gegeben: Wir durften im Altersheim Bürgerasyl/Pfrundhaus eine Person besuchen, die uns dann aus ihrem Leben erzählt hat. Ich fand den Stoff derart inspirierend, dass ich ihn in einem Roman untergebracht habe.

SchSch: Biografisches Erzählen erfordert viel Recherchearbeit. Wie hast du dich über die Besonderheiten dieser Zeit schlau gemacht?

Lea Gottheil: Bevor ich meinen Roman geschrieben habe, konnte ich mit Familienmitgliedern sprechen. Vor und auch während des Schreibens informiere ich mich über Bücher, Filme und das Internet über das damalige Zeitgeschehen. Ich versuche, meine Sprache der Zeit anzupassen. Einige politische Ereignisse finden auch ihren Platz.

SchSch: Und das Zwischenmenschliche?

Lea Gottheil: Ich merke immer wieder, wie mich das, was zwischen den Menschen passiert, sehr beschäftigt. Die Figuren entwickeln sich gleichzeitig zum Handlungsstrang. Die Ereignisse formen sie.

SchSch: Das Buch ist geschrieben und nun geht es an die Überarbeitung.

Lea Gottheil: Zur Überarbeitung des Manuskripts nehme ich gern Hilfe von Fachbüchern zum Kreativen Schreiben an. Bevor ich den Roman dem Literaturbetrieb übergebe, lasse ich ihn von Freunden lesen. Ich möchte wissen, ob der Stoff interessiert, ob sie sich gelangweilt, amüsiert, unterhalten haben…

SchSch: Lea, Wo ist die Quelle deiner Inspiration: In Büchern, im eigenen Erleben oder auf der Strasse?

Lea Gottheil: Mich inspirieren Geschichten, die mir andere Menschen erzählen. Sobald ich auf die Strasse trete, interessiert mich, wie die Menschen da draussen gekleidet sind, wie sie miteinander sprechen, was sie sprechen, woher sie kommen mögen, wohin sie gehen werden. Nicht zuletzt inspiriert mich die Literatur. Oft zündet eine Geschichte eine weitere Geschichte in mir. Die Figuren in meinen Geschichten stammen häufig auch aus meiner Kindheit oder Jugend. Die Erinnerung ist eine Goldgrube.

Die Arbeit an meinem Roman über das Frauenleben in der Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg hat mir neue Horizonte geöffnet. Wie interessant und bereichernd das ist, über andere Leben zu schreiben! Ich finde es sehr reizvoll, eine Biografie fiktiv und doch mit Tatsachen gespickt zu erzählen und kann mir gut vorstellen, in dieser Weise weiterzuarbeiten.

SchSch: Viele Schriftsteller/-innen lesen während ihren Schreibphasen kein Wort. Du jedoch brauchst das Lesen, um in Schreibstimmung zu kommen.

Lea Gottheil: Ja, ohne mindestens zwei Seiten gelesen zu haben, setze ich mich nicht an den Schreibtisch. Was für die Sängerin das Einsingen ist, ist für mich sozusagen das „Einlesen“. Es bringt mich in den Schreibfluss, öffnet die Türe zu meinem Wortschatz.

Als Buchhändlerin gehört das Lesen zu meinem Beruf. Ich geniesse es, dreimal die Woche von all den Büchern umgeben zu sein, die man noch lesen könnte. Manchmal gerate ich deswegen allerdings auch unter Druck.

Ich Küken möchte von den „Grossen“ lernen: In welche Form kann eine Geschichte gepackt werden, welche Perspektiven kann ich gebrauchen, was für Wörter werden benutzt, die ich noch nie gehört habe?

Ohne Lesen kein Schreiben.

SchSch: Liebe Lea, herzlichen Dank für das Interview!


 
Copyright © 2006 schreibszene.ch - All Rights Reserved
Design & Realisation by ClearMedia