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Ohne Lesen kein Schreiben.
Interview:
Fatima Vidal für Schreibszene Schweiz (SchSch)
SchSch: Lea Gottheil, schön, dass du uns hier als Mittwochsperle
Rede und Antwort stehst. Du kennst Schreibszene Schweiz (SchSch) seit einigen
Jahren: Als Jurorin und Moderatorin des Postkarten-Wettbewerbs und als
Kursteilnehmerin. Nach der Sommerpause steht das Novemberschreiben 2007 vor der
Tür. Deshalb zuerst die Frage an dich als Lyrikerin und Befürworterin der
Langsamkeit: Was hältst du von der Idee des Novemberschreibens – in 30 Tage
einen Roman zu schreiben?
Lea
Gottheil: Es ist mir eine Freude, als
Mittwochsperle Antworten geben zu dürfen!
Ich kann mir vorstellen, dass sich in 30 Tagen
viel Material anhäuft, welches man aussortieren, behauen, schleifen, in eine
Form bringen kann. Die Staumauer entfernen, fliessen lassen, was drin ist und
raus will. Ein reizvolles Projekt! Grad im November tut es doch gut, die Seele
schreibend nach aussen zu stülpen, wo viele nach innen gucken, wenn der Nebel
alles einhüllt.
SchSch: In welchem Alter hast mit dem Schreiben begonnen?
Lea
Gottheil: Erstmal habe ich brav Aufsätze
geschrieben. Leider kann ich hier nichts Romantischeres antworten, als: Die
Schule hat mich darauf gebracht, dass ich sehr wahrscheinlich das Schreiben
irgendwann zum Beruf machen würde. Da war dieses Feuer, dieses Vergnügen, Sätze
und Gedanken einmal ganz eigen zu formulieren. Dieses Gefühl hatte ich
höchstens noch, wenn ich mich ans Klavier setzte oder Theater spielte. Als ich
dabei war, erwachsen zu werden, füllte ich Hefte und Bücher mit Gedanken,
Wutausbrüchen, Liebesgedichten. Ich achtete immer darauf, dass ich so etwas wie
eine eigene Stimme hatte. Weil man doch auch etwas Eigenes braucht, wenn sich
die Welt rundherum irgendwie anders dreht.
SchSch: Und wann hast du erstmals ein eigenes Werk publiziert?
Lea
Gottheil: Wenn man es genau nimmt, hat der
Rektor der Kantonsschule Küsnacht damals ein Gedicht von mir in den
Jahresbericht aufgenommen. Da war ich ganz schön stolz. Aber so richtig in
einem Buch drin, das man in den Buchhandlungen kaufen konnte, war meine
Geschichte „Kein Pferd“ in der Anthologie „Palaver“ vom Nodari und Christen
Verlag, 2003.
SchSch: Eine Anthologie mit Texten von jungen Schweizer Autorinnen
und Autoren.
Lea
Gottheil: Ja, in dem Buch stehen Geschichten
und Gedichte von 32 jungen Schweizer Autorinnen und Autoren. Dieser Publikation
habe ich sehr viel zu verdanken. Durch sie habe ich viele feine Menschen kennen
gelernt, die einen schriftstellerischen Weg gehen. Den künstlerischen Austausch
finde ich enorm wichtig. Man muss nicht eine derart einsame Seele sein, wenn
man schreibt…
Lea
Gottheil: Im Jahr 2003 habe ich den
„Lehrgang Literarisches Schreiben“ an der EB Zürich abgeschlossen. An der
Finissage durften wir die Texte vortragen. Ich war erstaunt, wie viel Mut es
braucht, seine eigenen Texte einem Publikum darzubieten. Heute trete ich sehr
gern lesend vor, empfinde es jedoch noch immer als einen intimen Akt, der mich
nervös aber auch glücklich macht.
Lea
Gottheil: Eine enge Freundin, mit der ich
die Sekundarschule besucht habe, hat immer gesagt: Lea, aus dir wird eine
Schriftstellerin. Das hat mir Mut gemacht, ich spürte, dass sie es ernst
meinte. Vater meinte selten, aber bestimmt: „Schreib.“ Mein baldiger Ehemann
ermunterte mich immer und immer wieder, Texte zu verfassen.
Lea
Gottheil: Die Prosa liegt mir am nächsten.
Momentan überarbeite ich meinen Roman. Die Hauptfigur ist so etwas wie meine
beste Freundin. Die Figuren fangen plötzlich an, mir etwas zu erzählen. Ja,
meine liebsten Ausflüge unternehme ich im Prosaboot. Die Lyrik besuche ich auch
gern immer wieder. Sie ist die Königin. Ich habe Ehrfurcht vor ihr und hoffe,
sie empfängt mich öfters.
Lea
Gottheil: In meinem Buchhändlerinnenalltag
darf ich die Lyrikbände unter meine Flügel nehmen. Ich bin erstaunt, wie viele
Leute eben doch Gedichte kaufen! Hocherfreut sogar! Zugegeben: Modernere Lyrik
hat es neben den Klassikern schwer. Ich denke, die Gedichte fallen einer sehr
verbreiteten Zivilisationskrankheit zum Opfer: Zeitmangel. Lyrik braucht Menschen die
bereit sind, Zeit zu verzaubern. Die sich in eine Stimmung lesen können. Lyrik
setzt Langsamkeit und einen unbelasteten Geist voraus.
Lea Gottheil: Zu meinem grossen Glück arbeite ich fünfzig Stellenprozent
in der Buchhandlung. Da bleiben mir einige Schreibtage. Dies ist allerdings
erst seit dem Februar 2007 so.
SchSch: Und schreibst du besser nachts oder frühmorgens - im Zug,
im Café, in einer Schreibgruppe?
Lea
Gottheil: Ich schreibe tagsüber besser als
in der Nacht, was ich sehr bedaure und nicht ändern kann. Bin ich unterwegs,
begleitet mich immer mein Notizbuch. Ich notiere Dialoge, Ideen, manchmal
Bilder, die sich im besten Fall in Lyrik kehren. Zuhause kann ich mir Tee
kochen und in meinen Büchern blättern. Ich bin keine Kaffeehausschreiberin, bin
gern mit mir alleine.
Lea
Gottheil: Das Drehbuch zum Film
„TraumHaft“ von Stefan Muggli hat viel Recherche vorausgesetzt. Das Thema
„Schizophrenie“ wollten wir glaubwürdig inszenieren. Wir haben mit Psychologen
und Betroffenen gesprochen. Ich habe Literatur zusammengekratzt und
Dokumentarfilme geschaut. Das Drehbuch haben wir einer Psychologin zur
Überprüfung gegeben.
SchSch: Was hat dich dazu bewogen, ein Buch über Frauenleben
nach dem Zweiten Weltkrieg zu schreiben?
Lea
Gottheil: Das Literaturhaus Zürich hat
sieben jungen Schriftstellerinnen und Schriftstellern einen Auftrag gegeben:
Wir durften im Altersheim Bürgerasyl/Pfrundhaus eine Person besuchen, die uns
dann aus ihrem Leben erzählt hat. Ich fand den Stoff derart inspirierend, dass
ich ihn in einem Roman untergebracht habe.
SchSch: Biografisches Erzählen erfordert viel Recherchearbeit. Wie
hast du dich über die Besonderheiten dieser Zeit schlau gemacht?
Lea
Gottheil: Bevor ich meinen Roman
geschrieben habe, konnte ich mit Familienmitgliedern sprechen. Vor und auch
während des Schreibens informiere ich mich über Bücher, Filme und das Internet
über das damalige Zeitgeschehen. Ich versuche, meine Sprache der Zeit
anzupassen. Einige politische Ereignisse finden auch ihren Platz.
SchSch: Und das Zwischenmenschliche?
Lea
Gottheil: Ich merke immer wieder, wie mich
das, was zwischen den Menschen passiert, sehr beschäftigt. Die Figuren
entwickeln sich gleichzeitig zum Handlungsstrang. Die Ereignisse formen sie.
SchSch: Das Buch ist geschrieben und nun geht es an die
Überarbeitung.
Lea
Gottheil: Zur Überarbeitung des
Manuskripts nehme ich gern Hilfe von Fachbüchern zum Kreativen Schreiben an.
Bevor ich den Roman dem Literaturbetrieb übergebe, lasse ich ihn von Freunden
lesen. Ich möchte wissen, ob der Stoff interessiert, ob sie sich gelangweilt,
amüsiert, unterhalten haben…
Lea
Gottheil: Mich inspirieren
Geschichten, die mir andere Menschen erzählen. Sobald ich auf die Strasse
trete, interessiert mich, wie die Menschen da draussen gekleidet sind, wie sie
miteinander sprechen, was sie sprechen, woher sie kommen mögen, wohin sie gehen
werden. Nicht zuletzt inspiriert mich die Literatur. Oft zündet eine Geschichte
eine weitere Geschichte in mir. Die Figuren in meinen Geschichten stammen häufig
auch aus meiner Kindheit oder Jugend. Die Erinnerung ist eine Goldgrube.
Die Arbeit an meinem Roman über das Frauenleben in der Schweiz nach dem
Zweiten Weltkrieg hat mir neue Horizonte geöffnet. Wie interessant und
bereichernd das ist, über andere Leben zu schreiben! Ich finde es sehr
reizvoll, eine Biografie fiktiv und doch mit Tatsachen gespickt zu erzählen und
kann mir gut vorstellen, in dieser Weise weiterzuarbeiten.
SchSch: Viele
Schriftsteller/-innen lesen während ihren Schreibphasen kein Wort. Du jedoch
brauchst das Lesen, um in Schreibstimmung zu kommen.
Lea Gottheil: Ja, ohne
mindestens zwei Seiten gelesen zu haben, setze ich mich nicht an den
Schreibtisch. Was für die Sängerin das Einsingen ist, ist für mich sozusagen
das „Einlesen“. Es bringt mich in den Schreibfluss, öffnet die Türe zu meinem
Wortschatz.
Als Buchhändlerin gehört das Lesen zu meinem Beruf. Ich geniesse es,
dreimal die Woche von all den Büchern umgeben zu sein, die man noch lesen
könnte. Manchmal gerate ich deswegen allerdings auch unter Druck.
Ich Küken möchte von den „Grossen“ lernen: In welche Form kann eine
Geschichte gepackt werden, welche Perspektiven kann ich gebrauchen, was für Wörter
werden benutzt, die ich noch nie gehört habe? Ohne Lesen kein Schreiben. SchSch: Liebe Lea, herzlichen Dank für das Interview!
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Das Buch erscheint Ende September 2010 |
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