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Güzin Kar
   





Güzin Kar schreibt Drehbücher,
führt Regie und schreibt Kolumnen.
Die Zürcherin mit türkischen Wurzeln
lebt seit ihrem fünften Lebensjahr in
der Schweiz und wird bald auch einen
Koffer in Berlin haben.




Sie sollen es unbedingt versuchen!

Interview: Fatima Vidal für Schreibszene Schweiz (SchSch)

SchSch: Güzin Kar, erzählen Sie uns, wie Ihre Liebe
zum Film entstanden ist?

Güzin Kar: Als Kind sah ich mir mit Begeisterung die Filme von
Alfred Hitchcock an. Ich las auch alles über ihn und seine Filme,
weil ich wissen wollte, wie er welchen Effekt in einer bestimmten
Szene erzielt hatte.

SchSch: Jetzt sind SIE plötzlich ein Star. Hat sich ihr Leben
verändert?

Güzin Kar: Na, ein Star bin ich wahrlich nicht, nur etwas bekannter
als früher. In meinem Leben hat sich nichts verändert, ausser dass
ich einige Einladungen mehr für Galas und Premieren erhalte als noch
vor einem Jahr, was mir aber egal ist, da ich nicht oft auf Galas gehe.

SchSch: In welcher Sprache träumen Sie? Haben Sie auch schon
daran gedacht, türkische Filme zu schreiben?

Güzin Kar: Ich träume auf Hoch- oder Schweizerdeutsch. Wenn ich
Filme auf Türkisch schreiben würde, wären dies unfreiwillige Komödien,
denn meine Kenntnisse in dieser Sprache sind auf dem Stand einer
Fünfjährigen. Damals kam ich mit meiner Familie in die Schweiz.
Deutsch zu lernen hat mir grossen Spass gemacht. Ich habe es
übrigens von gleichaltrigen mehrheitlich ausländischen Kindern gelernt,
die bei uns in der Siedlung lebten und schon länger hier waren als
unsere Familie.

SchSch: Sie hatten das grosse Glück für Ihr Erstlingsdrehbuch
"lieber Brad" sehr schnell einen Produzenten zu finden. Wie
haben Sie das angestellt?

Güzin Kar: Wir wurden einander über einen gemeinsamen Bekannten
vorgestellt, und ich präsentierte ihm meine Idee. Sie gefiel ihm sofort.
Damals war ich im letzten Jahr an der Filmakademie in Ludwigsburg /
Deutschland. Es war ein Glücksfall, dass mein erstes Drehbuch sofort
verfilmt wurde.

SchSch: Was ist ihre Lieblingstätigkeit, Regie führen oder das
Schreiben von Drehbüchern und Kolumnen?

Güzin Kar: Meine Lieblingstätigkeit ist immer noch Essen!
Drehbücher - oder Filme im Allgemeinen - sind eine langwierige
Angelegenheit. Die Herausforderung sind hier nicht die guten Ideen,
denn die hat man ständig, sondern das Dranbleiben, das ständige
Verbessern, die Liebe zum  Stoff nicht verlieren, auch nach der zehnten
Überarbeitung, denn das gibt es manchmal. Im Gegensatz dazu sind
Kolumnen viel kurzfristiger. Auch bin ich bei den Kolumnen viel autarker,
habe keinen Dramaturgen als Ansprechpartner wie beim Film.

Schsch:
Und wie gehen Sie beim Schreiben vor?

Güzin Kar: Ich bin keine Schnellschreiberin, weder bei den
Drehbüchern noch bei den Kolumnen und überarbeite Texte immer
und immer wieder, bis jedes Wort stimmt, und noch wichtiger: bis der
Sprachrhythmus und die Melodie sitzen. Letzteres ist bei Komödien
am Wichtigsten.

SchSch: Wie lange schreiben Sie an einem Drehbuch?

Güzin Kar: An jeder Drehbuchfassung schreibe ich ca. drei Monate.
Je nach dem, wie viele Fassungen es gibt, vergehen Jahre, bis das Buch
"reif" ist. Um kreative Höchstleistungen zu erbringen, brauche ich aber
den Zeitdruck. Also drängt sich bei mir meistens alles in die letzten drei
Wochen, wo ich kaum mehr schlafe, nicht mehr ausgehe, nur noch
schreibe, bis ich umfalle.

SchSch: Bei ihren Filmen lacht man oft. Ihren Protagonisten ist jedoch
oft zum Weinen zumute. Ist Humor, wenn man trotzdem lacht?

Güzin Kar: Nein. Ich mag diesen Spruch nicht. Humor ist nicht etwas,
das man einer an sich tristen Sache quasi therapeutisch entgegensetzt.
Humor ist eine Betrachtungsweise, eine Lebenseinstellung, vielleicht sogar
ein Temperament. Natürlich sind die besten Komödien die, die von
Tragischem handeln. Aber humoristisches Schreiben oder Erzählen hat viel
mehr mit Sprachgefühl, also für einen musikalischen Sinn für Sprache und
Erzählrhythmus zu tun als mit sonst etwas.

SchSch: Mich interessiert natürlich sehr, wer Fatma ist und woher das
Personal aus Ihren Geschichten stammt.

Güzin Kar: Ich erfinde alles, sowohl in den Filmen als auch in den Kolumnen.
Ich glaube, dass es überhaupt nur erfundene Geschichten gibt. Sogar
Reportagen sind erfunden in dem Sinne, dass man als Autor Entscheidungen
trifft.

SchSch: Wissen Sie am Anfang Ihrer Geschichten bereits wie der Schluss
aussehen wird?

Güzin Kar: In den Filmen weiss ich es immer. In den Kolumnen selten.

SchSch: Leiden gelegentlich unter Schreibblockaden und verraten Sie uns
ihr Geheimnis, um wieder in den Schreibfluss zu kommen?

Güzin Kar: Ich leide permanent unter Blockaden aller Art. Und glauben
Sie mir, wenn ich den Trick zur Selbstüberlistung herausgefunden habe,
werde ich einen Ratgeber darüber schreiben und viel, sehr viel Geld damit
verdienen. Es kriegt dann einen dieser peinlichen Titel wie "Blockadefrei in
nur 15 Tagen" oder "Neat für die Sinne. Nie wieder Schreibstau" Ausserdem
werde ich Seminare anbieten, die ein Heidengeld kosten.

SchSch: Was empfehlen Sie Schreibbegeisterten, die von einer Karriere als
DrehbuchatorIn träumen?

Güzin Kar: Sie sollen es unbedingt versuchen! Man kann auch mit einem
Kurzfilm beginnen, wenn man sich keinen abendfüllenden zutraut. Und sie
sollen daneben möglichst keine oder sehr wenige sogenannte Brotjobs
annehmen. Man muss als erstes die Sicherheiten kappen.

Wir von Schreibszene Schweiz bedanken uns herzlich für das Interview.


Güzin Kars Werke:

Kolumne
wöchentliche Kolumne Gender Studies in der Weltwoche

Bücher
Ich dich auch
Ein Episodenroman für Paarungsgestörte

Filme
Lieber Brad (Drehbuch)
Mehr als nur Sex (Drehbuch)
Paul und Lila (Drehbuch und Regie)
Die wilden Hühner (Drehbuch)
Ein verlockendes Angebot (Drehbuch, mit Laila Stieler)
Alles bleibt anders (Drehbuch und Regie)
Ich dich auch (Drehbuch zur Romanverfilmung)

 
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