Get Shorty!

Jeder, der schreibt, kennt das Problem: Die Texte werden zu lang. Okay, vielleicht nicht, wenn man seine Erfüllung bei Twitter sucht. Aber prinzipiell? Egal, ob mit Stift oder Computer? Man schreibt zu viel.

Wie kannst Du sagen, daß man zu viel schreibt? Man schreibt doch genau das, was einem unter den Fingernägeln brennt!

Ja, aber oft ist es so, als ob man Natrium unter den Nägeln hätte. Man schreibt und schreibt, und hat plötzlich 26.000 Zeichen getippselt. Obwohl für diesen bestimmten Wettbewerb nur 12.000 Anschläge gefordert waren. Oder obwohl das Ganze als Kurzeinleitung auf eine Website soll, nicht als geschichtliche Abhandlung zum Werdegang der Bundesrepublik.

Schriftsteller kennen das sehr gut. Außer, sie heißen Hemingway, aber dann hat man ganz andere Probleme. Wie zum Beispiel, daß man tot ist. Aber ich schweife ab.

Über kurz oder lang ist man als Autor gezwungen, sein Werk zu kürzen. Sei es, weil der Lektor die Nebengeschichte überflüssig findet. Die, wo die lesbische Freundin der Protagonistin sich einen Pudel kauft, der auch lesbisch ist. Zum Beispiel. Sei es, weil die Angaben eines Magazins nicht eingehalten werden können. Nein, die drucken nicht extra zehn Seiten mehr, nur, damit Euer Machwerk nicht verstümmelt wird.

„Verstümmelt“ ist ein gutes Stichwort. Viele Autoren sind dermaßen von sich selbst und ihrer ersten Eingebung überzeugt, daß sie sich nicht kurzfassen wollen und nicht kürzen können. Dabei ist das Kürzen das Werkzeug im Kasten eines jeden Schreiberlings, das einen Text wirklich besser machen kann.

Texter haben es noch schwieriger. Einfach, weil die Anzahl Wörter oder Anschläge in der Regel auf den Punkt vorgegeben ist. Im 5×4-Kasten auf Seite drei hat’s nunmal nicht mehr Platz. Aber eben auch nicht weniger. Man muß also lernen, sich kurz zu fassen, aber trotzdem sein Soll zu erfüllen. Ohne langweilig oder zu trocken zu wirken.

Kurz (ha!) gesagt: Auch Texter müssen lernen, zu kürzen. Selbst dann, wenn sie sich von Haus aus eher kurz fassen. Zusätzlich dürfen’s aber auch lernen, Zeilen zu füllen. „Blubbern“ nenne ich das gerne. Aber das Kürzen fällt den meisten Menschen schwerer.

Es gibt einige Ansichten zum Thema „wie kürze ich richtig?“ Die meisten sagen: Alle Adjektive raus, alle Adverbien raus. Lieber konkrete Nomen und Prädikate verwenden. Spart schon so einiges, besonders, wenn man sowieso zur „blumigen Sprache“ neigt. In einem Gedicht würde ich das allerdings nicht machen wollen. Und auch in Prosa muß man aufpassen, daß man nicht den Eindruck erweckt: Der schläft mit seinem Thesaurus. Das Maß macht’s aus.

Glücklich über den Radiergummi sind auch nebensächliche Seitenstränge und unnötige Charaktere. Nicht, daß man gleich ein Hollywood-Drehbuch abliefern soll! Nein! Und augenscheinlich unwichtige Charaktere können durchaus eine wichtige Funktion in einer Geschichte haben. „Funktion“ ist das Wort hier. Alles sollte im großen Ganzen verzahnt sein. Auch und besonders bei Kurzgeschichten. Laut Definition sollen sie von einer „unerhörten Gegebenheit“ berichten. Und nur dann von zweien oder mehreren, wenn es zum Hauptstrang der Geschichte gehört. Und nicht einfach nur, weil man etwas „Stimmung“ aufbauen wollte. Geschichten sollen eine Geschichte erzählen. Der Plot ist König.

Bei Textern sieht es ähnlich aus, aber: Sie müssen sich an die Gegebenheiten der Branche halten, für die sie schreiben. Wer Poesie-Alben verkaufen will, kann nicht darauf verzichten, wie ein Weltmeister Adjektive unter die Wörter zu mischen. Und man kann auch nicht einfach „nebensächliche“ Funktionen einer Software ausschließen, nur weil sie nicht so wichtig sind wie die Hauptverkaufspunkte. Aber man muß sich auch da auf die POS konzentrieren, das andere unter „ferner liefen“, vielleicht auf einem gesonderten Blatt, abhandeln. Übrigens, POS – nicht „piece of shit“, sondern „point of sale“. Nur, damit Ihr nicht auf falsche Ideen kommt.

Habe ich diesen Artikel gekürzt? Natürlich. Der war länger als das, was Ihr jetzt lest. Aber nicht viel länger. Denn eine Kolumne soll ja auch dazu da sein, daß man sich aussprechen kann. Fast hätte ich „auskotzen“ geschrieben. Nun ja. Das lasse ich drin.

Ich selbst habe immer wieder Probleme damit, Texte zusammenzustreichen. Es tut mir schon fast physisch weh. Aber es ist nötig, in den allermeisten Fällen. Lieber eine treffe Novelle mit 100 Seiten als einen aufgedunsenen Rohentwurf von 312 Seiten. Lieber drei Sätze auf der Homepage unter „Credo“ als drei Seiten. Besonders in diesem Fall. Und – egal, ob Texter oder Buchautor: Man kann das Gestrichene ja wiederverwenden. Recycling. Was einem in Zukunft viel bringen kann. So, wie es der Grüne Punkt auch von sich behauptet. Err.

Dies ist mein erster Blog-Beitrag im, nun ja, Schreibszene-Blog. Aber andere Texte können im Forum eingesehen werden: Schreibszene Forum: Saschas Blog.

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